Tori Amos in der Alten Oper Frankfurt: Ein außergewöhnliches Konzerterlebnis
(Hanauer Anzeiger)
Die Saalbeleuchtung geht aus. Bald ist die Bühne in fast vollkommenes Dunkel gehüllt. Zunächst nur als Schatten erkennbar, betritt die Sängerin Tori Amos - begleitet von kurzzeitig aufbrandendem Applaus - die Szene. Unter einem stilisierten Sternenhimmel beginnt sie dann ganz behutsam und leise, wie im Intro ihres neuen Albums, das Konzert mit den Songs "Beauty Queen" und "Horses."
Schnell gelingt es ihr das an diesem Sonntagabend im Großen Saal der Frankfurter Alten Oper zahlreich versammelte, gemischte Publikum mit ihrer einzigartigen Ausstrahlung, ihrem virtuosem Klavierspiel und ihrer facettenreichen Stimme in ihren Bann zu ziehen.
Der Konzertverlauf gestaltet sich dann sehr abwechslungsreich. Die zur Zeit in Irland lebende und aus North Carolina stammende Künstlerin präsentiert dabei neben den lyrischen - oftmals kryptischen und symbolbeladenen - Stücken des aktuellen Albums "Boys for Pele", in denen sie vor allem ihre komplexen Beziehungen zu Männern (Erotik, Leidenschaft und Gewalt) verarbeitet, auch Lieder aus ihren vorhergehenden Werken - wobei frühere Erfolgssongs wie "Cornflake Girl" oder "Winter" von den Zuhörern mit besonderem Beifall bedacht werden.
Als Fremdkomposition hat sie an diesem Abend zusätzlich eine sehr einfühlsame Cover-Version vom Klassiker "Somewhere Over The Rainbow" aus dem Musical "The Wizard of Oz" in ihr Programm integriert.
Der Zuhörer wird von Tori Amos, während des rund zweistündigen Konzerts, auf eine ausgedehnte Reise durch ihr Gefühls- und Seelenleben mitgenommen. Auf offensive, aggressive Ausbrüche, bei denen das Klavier schon sehr intensiv traktiert wird, wie "In The Springtime of His Voodoo", folgen leise, sehr sanfte Balladen wie "Not The Red Baron" - häufig jedoch mit schmerzvollem Text. Die Intensität des musikalischen Ausdrucks, die sich auch deutlich in Körpersprache und Mimik der Sängerin widerspiegelt, bleibt dabei jedoch in jedem Fall erhalten.
Tori Amos Musik ist dabei fast immer von den verschiedenen
Tasteninstrumenten bestimmt. Häufig werden von der Pianistin während
des Konzerts fliegende Wechsel vom Flügel hin zum Cembalo vollzogen -
manchmal, wie bei der Präsentation ihrer aktuellen Hit-Single "Caught a
Lite Sneeze" - sogar innerhalb des selben Stücks. Nur gelegentlich
werden Klavierspiel und Gesang durch die Begleitung eines Gitarristen
und wie bei dem funk-angehauchten "Little Amsterdam" durch
Einspielungen vom Band unterstützt.
Unterstrichen werden die Musikstücke in ihrer Qualität und Wirkung
durch das schlichte, kunstvolle Bühnenbild (mit einer Leinwand für
Grafik-, Foto- und Videoeinblendungen) sowie durch die gekonnte
Lichtführung.
Die im Saal vorherrschende Atmosphäre bleibt während des Konzerts
insgesamt eher ernst, nachdenklich und leicht melancholisch.
Konzentriert verfolgen die Zuhörer das Musikereignis. Nur vereinzelt
wird die Stimmung etwas aufgelockert, wenn die Sängerin zwischendurch
einmal das Wort an ihre Fans richtet - und sich dabei auch zum einen
oder anderen Scherz hinreißen läßt.
Mit minutenlangem, stürmischem Applaus gelingt es dem Publikum am Ende
sein Idol noch zu zwei längeren Zugaben auf die Bühne zurück zu holen,
bis dann der Saal - beim abschließenden "Hey Jupiter" - in rötlichem
Dämmerlicht versinkt. Als dann die Beleuchtung wieder eingeschaltet
wird, ist ein ungewöhnlicher und eindrucksvoller Konzertabend - viel zu
schnell - zu Ende.
Holger Greiner